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Geschichte

Cornelius Wüllenkemper – Texte und Hörfunk

Gigantische gläserne Startrampe in die Zukunft

In Tartu eröffnet auf dem Gelände des ehemaligen sowjetischen Militärflughafens das neue Estnische Nationalmuseum

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Oktober 2016

TARTU, im Oktober

 „Wie machen wir den besten Gebrauch von unserer wertvollen Freiheit?“ Als der Wissenschaftler und Theologe Jakob Hurt 1869 beim ersten estnischen Singfest in Tartu seinen Landsleuten diese Frage stellte, ahnte er nicht, was sie für die folgenden hundertdreißig Jahre estnischer Geschichte bedeuten würde. Hurt war die Leitfigur der Emanzipationsbewegung sowohl gegenüber den Deutschbalten als auch dem Zarenreich. Noch bevor 1918 die erste unabhängige Republik Estland gegründet wurde, begründete Hurt bereits 1909 das Estnische Nationalmuseum mit einer umfangreichen Sammlung zur estnischen Volkskultur. Wenn Estlands Präsident Toomas Hendrik Ilves jetzt anlässlich der Eröffnung des neuen „Eesti Rahva Muuseumi“ an Hurts Worte erinnerte, betrachtete er die Landes- und Museumsgeschichte auch als Spiegelbild der Entstehung des modernen Europas.

Der Ort im Tartuer Ortsteil Raadi, an dem das architektonisch höchst ehrgeizige neue Nationalmuseum wie eine futuristische Startrampe aus dem Boden ragt, ist an Symbolik kaum zu überbieten. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte hier die deutschbaltische Kaufmannsfamilie Liphart Teile ihres Anwesens zur Unterbringung von Hurts Sammlung zur Verfügung gestellt. Ein Sohn der Lipharts, ein Flugzeugingenieur, ebnete in unmittelbarer Nähe eine Landebahn für seine Testflüge. Nachdem Hitler und Stalin das Baltikum 1939 der Sowjetunion zuschlugen, 1941 die Nationalsozialisten und 1944 erneut die Sowjets einmarschierten, richtete die Rote Armee auf Lipharts Landebahn eine der größten sowjetischen Militärbasen in Osteuropa ein. An ihren Sperrmauern marschierten die Esten während der „Singenden Revolution“ 1989 entlang, um mit estnischen Volksliedern gegen die sowjetischen Invasoren zu protestieren.

Auf der ehemaligen Landebahn für sowjetische Kampfjäger erhebt sich 25 Jahre nach der Unabhängigkeit das neue Estnische Nationalmuseum wie eine 355 Meter lange, fünfzehn Meter hohe Flugzeuggarage aus Glas. Gigantomanisch für ein Land mit nur 1,3 Millionen Einwohnern, meinen die einen, atemberaubend schön, finden die anderen. Das Pariser Architektentrio DGT hatte sich vor zehn Jahren mit dem irreal anmutenden Entwurf durchgesetzt, was im Land eine Debatte über den Umgang mit der Geschichte auslöste. „Fünfzig Jahre lang lebten die Menschen in Raadi mit dem Lärm startender Militärflugzeuge. Wir wollten mit dem Museum auf der ehemaligen Landebahn geschichtliche Kontinuität herstellen und der negativen Erinnerung eine positive Zukunft entgegenstellen“, sagt Tsuyoshi Tane von DGT. Tatsächlich wirkt der 65 Millionen Euro teure Glasbau, für den die EU-Kommission Hilfsgelder verweigerte, weil er „zu groß“ für Estland sei, wie ein wahrgewordener Traum.

In die Ausstellung gelangt man über einen von einem gläsernen Keil überdachten Vorplatz und eine gigantische Eingangshalle. Von der Steinzeit über die ersten christlichen Siedler im 12. Jahrhundert bis zum Leben hinter dem Eisernen Vorhang und zur „Zeit der Freiheit“ durchläuft man die estnische Geschichte wie auf einem Zeitstrahl. Neben einer begehbaren Landschaft der finnougrischen Stammesgeschichte im Untergeschoss sind nationales Liedgut zu bewundern, traditionelle Teppichund Textilherstellung sowie bäuerliches Kunsthandwerk. Viele Objekte stammen aus der Sammlung des alten Liphart-Hauses, das Ende des Zweiten Weltkrieges schwer beschädigt wurde und später als sowjetisches Chemielager diente. Beispielsweise dreitausend Fotografien des estnischen Fotografen und Filmemachers Johannes Pääsuke vom Leben auf dem Lande um 1900, die auf einem hochauflösenden Großbildschirm einzeln anwählbar sind.

T-Shirts, mit denen die estnische Jugend 1987 im sogenannten „Phosphorkrieg“ gegen den geplanten Phosphorab-bau durch die Russen demonstrierte, gemahnen an die Anfänge der Unabhängigkeitsbewegung. Neben dem Bürostuhl von Ahti Heinla, dem estnischen Erfinder der Kommunikationsplattform Skype, erklären auf einem Bildschirm Zeitzeugen, was für sie Freiheit bedeutet. Neben den emotionalen Erinnerungen an die Befreiung von den Sowjets kommen auch Menschen zu Wort, die nach der jahrhundertelangen Okkupationsgeschichte nicht mehr an Freiheit glauben, aber auch solche, für die Freiheit Verantwortung bedeutet. Angesichts der russischen Krim-Annexion vor zwei Jahren und der gegenwärtigen Vorgänge an Estlands Grenze zu Russland ist das äußerst aktuell.

Dennoch ist das „Eesti Rahva Muuseumi“ ein ethnologisches Museum, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt und politische Urteile möglichst umschifft. Das gilt auch für die sensible Periode der sowjetischen Besatzung. Die Schau „Parallele Welten, parallele Leben“ schildert nicht den sowjetischen Unterdrückungsapparat, sondern Einzelschicksale – von Menschen, die im Rahmen der Zwangsrussifizierung nach Sibirien deportiert oder auch gegen ihren Willen in Estland angesiedelt wurden, von Heimkehrern nach Estland und dagebliebenen Russen.

Die große russische Minderheit des Landes ist dank vergleichsweise moderater Gesetze in Estland besser integriert als anderswo im Baltikum. Aber sie bleibt ein heikles Thema. „Wir wollen eine Diskussionsplattform sein“, betont die Kuratorin Agnes Aljas. Künftig will man die Ausstellung nicht nur estnisch, sondern auch englisch und russisch beschriften. „Natürlich wollen wir auch die russischstämmigen Esten ins Haus holen. Wir verkünden keine Wahrheiten und bieten keine Sicherheiten wie in einer Kirche. Wir haben es mit unterschiedlichen Lebensstilen, Kulturen, Generationen zu tun, die wir beachten müssen. Dieses Gebäude an diesem Ort wird uns dabei helfen.“

 

Hier ein Link zu einigen Fotos...........

08.11.2016

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